Steiner


Steiner
Steiner,
 
1) Franz Baermann, österreichischer Lyriker und Anthropologe, * Prag 12. 10. 1909, ✝ Oxford 27. 11. 1952; studierte semitische Sprachen und Völkerkunde in Prag, emigrierte während der Zeit des Nationalsozialismus nach Großbritannien und war ab 1939 Dozent für Anthropologie in Oxford. Steiner schrieb neben völkerkundlichen Studien pathetisch-visionäre Lyrik, in der sich seine Beschäftigung mit der Dichtung des Orients und der Naturvölker widerspiegelt.
 
Ausgaben: Unruhe ohne Uhr. Ausgewählte Gedichte aus dem Nachlaß (1954); Eroberungen, herausgegeben von H. G. Adler (1964).
 
 2) [englisch 'staɪnə], George, amerikanischer Schriftsteller und Kritiker französischer Herkunft, * Paris 23. 4. 1929; 1940 Emigration in die USA, seit 1944 amerikanischer Staatsbürger; war ab 1959 Dozent an der Princeton University und ab 1961 in Cambridge (Massachusetts), seit 1974 Professor für englische Literatur und Komparatistik an der Universität Genf. Steiner ist mit kontrovers diskutierten kulturkritischen Untersuchungen hervorgetreten, die sich mit den Auswirkungen von Krieg, Totalitarismus und Holocaust auf die Befindlichkeit des heutigen Menschen, dem Verhältnis von Sprache und Bewusstsein und der Notwendigkeit eines aufgeklärten Humanismus beschäftigen.
 
Werke: Kritik: Language and silence (1967; deutsch Sprache und Schweigen); In Bluebeard's castle. Some notes towards the redefinition of culture (1971; deutsch In Blaubarts Burg. Anmerkungen zur Neudefinition der Kultur); Real presences. Is there anything in what we say? (1986; deutsch Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt?).
 
Roman: The portage to San Cristobal of A. H. (1981, dramatisiert 1983 von C. Hampton).
 
Erzählungen: Proofs and three parables (1992; deutsch Unter Druck).
 
Essays: The deeps of the sea and other essays (1996); No passion spent (1996; deutsch Der Garten des Archimedes).
 
Ausgabe: G. Steiner. A reader (1984).
 
 3) Jakob, schweizerischer Mathematiker, * Utzenstorf (Kanton Bern) 18. 3. 1796, ✝ Bern 1. 4. 1863; Sohn eines Bergbauern; lernte erst mit 14 Jahren schreiben. Steiner kam 1814 in die Schule von J. H. Pestalozzi, an der er ab 1816 unterrichtete. 1818-21 trieb Steiner in Heidelberg weitgehend autodidaktische Studien, danach in Berlin, wo er 1834 auf Betreiben u. a. A. von Humboldts Professor wurde. Steiner formulierte als Erster den nach ihm benannten Lehrsatz der Mechanik. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der synthetischen, besonders der projektiven Geometrie im 19. Jahrhundert, wobei er nicht zuletzt durch ungewöhnliches Verhalten, später auch durch unaufrichtiges Zitieren, ein Außenseiter der wissenschaftlichen Welt blieb.
 
Ausgabe: Gesammelte Werke, 2 Bände (1881-82, Nachdruck 1971).
 
 
L. Kollros: J. S. (Basel 21979).
 
 4) Jörg, schweizerischer Schriftsteller, * Biel (BE) 26. 10. 1930; Verfasser von Romanen, Essays, Erzählungen und Gedichten in präziser, knapper, sensibler Sprache, in denen er, Reales und Fantastisches vermischend, Fluchtversuche aus menschlicher Verstrickung, Anpassung und Fremdbestimmung darstellt; die Ordnung der bürgerlichen Lebenswelt, die sich im Mikrokosmos Biel, an der deutsch-französischen Sprachgrenze spiegelt, erweist sich immer wieder als brüchig (»Weissenbach und die anderen«, Roman, 1994). Steiner arbeitet seit 1975 erfolgreich mit dem Grafiker Jörg Müller (* 1942) zusammen, mit dem er mehrere Kinderbücher veröffentlichte (u. a. »Die Kanincheninsel«, 1977; »Was wollt ihr machen, wenn der schwarze Mann kommt«, 1998); auch Hörspiel- und Drehbuchautor.
 
Weitere Werke: Romane: Strafarbeit (1962); Ein Messer für den ehrlichen Finder (1966); Das Netz zerreißen (1982); Wer tanzt schon zur Musik von Schostakowitsch (2000).
 
Erzählungen: Eine Stunde vor Schlaf (1958); Schnee bis in die Niederungen (1973); Olduvai (1985); Fremdes Land (1989); Der Kollege (1996).
 
Lyrik: Der schwarze Kasten (1965); Als es noch Grenzen gab (1976).
 
 
D. Weber: J. S. Eine Monographie (Zürich 1988).
 
 5) Rudolf, Philosoph, Pädagoge und Naturwissenschaftler, Begründer der Anthroposophie, * Kraljevec (bei Varaždin) 27. (25.?) 2. 1861, ✝ Dornach 30. 3. 1925; studierte Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie in Wien. 1882-87 arbeitete er an der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes und war 1884-89 zugleich als Hauslehrer tätig. 1890-97 war er Mitarbeiter am Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar und trat durch reiche schriftstellerische Tätigkeit (u. a. »Die Philosophie der Freiheit«, 1894) hervor, die Steiners Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte (G. W. F. Hegel, J. G. Fichte, F. W. J. Schelling, v. a. auch Goethe) und mit zeitgenössischen Denkern (F. Nietzsche, E. Haeckel) spiegelt. 1897 übersiedelte Steiner nach Berlin und wurde dort Mitherausgeber des »Magazins für Litteratur« (mit O. E. Hartleben u. a.). 1899-1904 wirkte er auch an der »Arbeiterbildungsschule«; er verkehrte in verschiedenen Literatenkreisen Berlins und begann mit einer umfangreichen Vortragstätigkeit, die ihn durch ganz Europa führte. 1902 trat er der (indisch-orientalisch orientierten) Theosophischen Gesellschaft bei und übernahm bald darauf als Generalsekretär die Leitung der deutschen Sektion. Differenzen, u. a. weil Steiner an das christlich-abendländische Geistesleben anknüpfte, führten zu seinem Ausschluss (1912/13), ausgelöst durch seine Kritik an der Ausrufung eines neuen Weltheilands (J. Krishnamurti) durch die Theosophische Gesellschaft. 1904 schrieb er sein erstes Werk (»Theosophie«) zur Begründung der Anthroposophie als umfassende Geisteswissenschaft, in dem Steiner seine Lehre von der Dreigliederung des Menschen (und der Welt) in Leib, Seele und Geist und die Lehre von Reinkarnation und Karma darlegt. In seine Werke findet eine umfassende Kenntnis der zeitgenössischen Wissenschaften Eingang, die in denkerischen Zusammenhang gestellt und durch okkultes Wissen und Anknüpfung an die Mysterientraditionen ergänzt wird. Ausgangspunkt seines zum Teil eklektizistischen Denkens ist die Frage des Zusammenwirkens von Geist und Stoff, Idee und Materie.
 
1913 begründete Steiner die Anthroposophische Gesellschaft; im selben Jahr begann auf seine Initiative der Bau des ersten Goetheanums für Mysterienspiele in Dornach. Dazu wurden als »Kulturimpulse« der Anthroposophie Malerei und Architektur, Eurythmie und Sprachgestaltung erneuert beziehungsweise neu geschaffen. 1919 verfasste Steiner zur Lösung der sozialen Frage einen Aufruf »an das deutsche Volk« und begründete eine Bewegung zur »Dreigliederung« des sozialen Organismus: Eine Trennung der Bereiche von Kultur, Wirtschaft und Politik soll zu Freiheit und sozialer Gerechtigkeit führen. Der Aufbau und die Leitung der ersten Freien Waldorfschule (1919) mit einer eigenen Pädagogik, die Ausgestaltung der Heilpädagogik und Vorschulerziehung folgten; seit 1920 entwarf Steiner eine Erweiterung der Medizin aus ganzheitlicher Menschenerkenntnis, desgleichen der Pharmazie (Krebs-Misteltherapie u. a.). - Durch Beratung von Theologen entstand eine unabhängige Bewegung für religiöse Erneuerung, die Christengemeinschaft (1922). 1923 wurde die Anthroposophische Gesellschaft neu konstituiert, mit Steiner als Vorsitzendem. Der Aufbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit Fachsektionen schloss sich am Goetheanum an. Seit 1924 gab Steiner Anregungen für die Landwirtschaft in Form der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise. Steiners Impulse haben nach seinem Tod weltweit fortgewirkt.
 
Weitere Werke: Die Geheimwissenschaft im Umriß (1910); Die Rätsel der Philosophie (1914); Von Seelenrätseln (1917); Die Kernpunkte der sozialen Frage (1919); Mein Lebensgang (1925).
 
Ausgabe: Gesamtausgabe, herausgegeben von der R.-Steiner-Nachlaßverwaltung, auf über 300 Bände berechnet (1-311959 folgende).
 
 
G. Wachsmuth: R. S.s Erdenleben u. Wirken (Dornach 21964);
 J. Hemleben: R. S. (225.-229. Tsd. 1991);
 L. Gassmann: Das anthroposoph. Bibelverständnis. Eine krit. Unters. unter besonderer Berücksichtigung der exeget. Veröffentlichungen von R. S., Friedrich Rittelmeyer, Emil Bock u. Rudolf Frieling (21994);
 G. Wehr: R. S. zur Einf. (1994);
 C. Lindenberg: R. S. (33.-36. Tsd. 1997);
 C. Lindenberg: R. S. Eine Biogr., 2 Bde. (1997).

Universal-Lexikon. 2012.

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